Ohne sich dessen bewusst zu sein, nimmt man im Laufe seiner Entwicklung eine Rolle ein. Die bequemste davon ist tatsächlich die Opferrolle. Das hört niemand gern und jeder weist diesen Vorwurf weit von sich. Das liegt daran, dass der Begriff „Opfer“ Schwäche impliziert und außerdem eine Aussicht auf Besserung ausschließt. Nur – wenn man tatsächlich nicht in diese Rolle passt, kann man doch jedes Muster durchbrechen, richtig? Dann ist es an der Zeit, einen Blick in den Spiegel zu werfen und sich in die Menschen hineinzuversetzen, die man als potenzielle Partner ins Auge gefasst hat. Wer sich zum Beispiel gerne finden lässt, wirkt vorallem auf diejenigen interessant, die (so böse das klingt) nichts zu verlieren haben.
…dann kann man in Ruhe darüber philosophieren, warum niemand kommt und diese erklimmen möchte. Schutzmechanismen sind natürlich, sollten allerdings nicht automatisiert werden. Am bekanntesten ist dabei wohl der Satz „ich verliebe mich immer in die arroganten Arschlöcher.“ Ja, diese Spezies Mensch hat schon was. Stark, sozial integriert und eben nicht so weich, nicht so nett. Die starke Schulter zum anlehnen, so scheint es. Doch ist das nicht ein Trugschluss? Die Schulter zum anlehnen verschwindet, sobald ihr danach ist und eine Begründung bleibt meist aus. Somit ist die suggerierte Sicherheit, man könne sich jederzeit mit geschlossenen Augen an den Anderen lehnen, hinfällig.
Offensichtlich. Weicheier haben einen schlechten Ruf. Und während man vor eben diesen davonrennt, läuft man den arroganten A……….. direkt in die Arme. Schauen wir uns die weichen Gemüter mal aus der Nähe an. Kompromissbereite Gestalten, die konstant und aufrichtig zur Stelle sind. Befürchtet man als Betrachter, man würde diese Eigenschaften ausnutzen? Oder ist der Reiz zu groß, Aufmerksamkeit von denen zu bekommen, die sich nicht festlegen möchten? Nur, weil ein Mensch nicht von vornherein Zähne zeigt und Reibungspunkte offen darlegt, heißt dies nicht, dass gemeinsame Zeit langweilig und eintönig ist. Denn eines ist sicher: die Schulter der „zu netten“ Person verschwindet nicht.
Manch einer befürchtet, dass sich über die Jahre eklatante Macken und festgefahrene Muster entwickelt haben könnten, derer man nicht mehr Herr werden kann. Dabei sind Interessen und persönliche Entwicklungen oft viel charmanter als Sie auf den ersten Blick erscheinen. Sie konnten mit Kunst nie etwas anfangen und stoßen nun auf Jemanden, der Ausstellungen fast jedes Wochenende besucht? Ihnen wird eine andere Seite des Lebens und der Freizeitgestaltung gezeigt, welche Sie alleine nicht gesehen hätten. Ob Ihnen diese Seite gefällt oder nicht beurteilen Sie natürlich allein. Nur ist es ein Ansporn, wenn die Person sie fasziniert, auch mal andere Sichtweisen einzunehmen und genießen zu können.
„Autonome und freiheitsliebende Persönlichkeit sucht flexiblen und verständnisvollen Gegenpart“ – wie wirkt solch eine Aussage auf Sie? Es klingt nicht danach, als sei diese Person auf der Suche nach einer ernsthaften, liebevollen Beziehung gleichberechtigter Partner. Und doch faszinieren die Schlagworte der Aussage in der Einzelbetrachtung. Sie laden dazu ein, sich diese auf die eigene Fahne zu schreiben und einzufordern, denn – auch in einer Beziehung benötigt man Raum für sich. Autonomie schließt Allianzen nicht aus. Im Klartext: Auch ein selbstständiger Mensch braucht von Zeit zu Zeit jemanden, der ihn in den Arm nimmt.
Klischees wollen bedient werden. Und doch passt niemand in nur eine Schublade. In jeder Partnerschaft stellt sich die Frage: Wer ist der dominantere und wer der devotere Part? Sexuelle Parallelen lassen sich natürlich herstellen, in diesem Abschnitt geht es aber um die Persönlichkeit. Und um die Frage: Ist eine Festlegung wirklich notwendig? Ist es nicht vielmehr so, dass der gesellschaftliche Druck und die fehlende Integration dafür sorgt, dass man sich als homosexuelles Individuum dazu genötigt fühlt, eine Rolle einzunehmen? Immerhin bietet die Umwelt nur das heterosexuelle Vorbild. Wer diesem nicht folgen und ein eigenes statuieren möchte, sollte sich ebenfalls von heterosexuellen Klischees und negativ behafteten Bezeichnungen freisprechen. Fabelhaft bleibt fabelhaft, ob nun schwul oder lesbisch.